Nachlese | Die Brigitte-Reimann-Schätze im Literaturhaus Magdeburg, von Kristina Stella

Nachlese | Die Brigitte-Reimann-Schätze im Literaturhaus Magdeburg, von Kristina Stella

Nach der Lesung aus Brigitte Reimanns erstmalig erschienenem Roman „Die Denunziantin“ am 1. Dezember durfte ich in die „Archivschubladen“ des Literaturhauses Magdeburg schauen. Resümee: Es war beeindruckend!

Wie beim Leseabend versprochen lasse ich alle Reimann-Fans teilhaben, an den wunderbaren Funden! Ganz unter dem Motto: von Brigitte Reimann gibt es immer noch etwas zu entdecken – wenn man nur lange genug sucht …

Beim Schreiben der Editionsgeschichte von Brigitte Reimanns „Denunziantin“ hatte ich mich schon sehr weit in die Magdeburger Literaturszene der 1950er Jahre vertieft. Den Paukenschlag sollte allerdings das Literaturhaus in der Magdeburger Thiemstraße beisteuern: Dort befindet sich seit dem Jahr 2021 der Nachlass des Schriftstellers Otto Bernhard Wendler. Er wurde in einem Berliner Keller aufgefunden, vom Literaturwissenschaftler Dr. Jan Kostka geborgen und ans Literaturhaus gegeben. Nach unzähligen Kellerjahren ist eine aufwändige Sicherung des Bestandes nötig, doch zahlreiche Dokumente stehen schon für die Forschung zur Verfügung. Wendlers Korrespondenz mit Brigitte Reimann, einige seiner Arbeitskalender und Tagebücher waren nicht alles, was mir Frau Dr. Behne-Kilz unter meinen vorgezogenen Gabentisch legen konnte. Es fanden sich sogar kleinere Werke Brigitte Reimanns, die bislang als verschollen galten. Die damals junge Brigitte Reimann hatte sie ihrem Mentor Wendler überlassen und zur Prüfung übergeben. Warum sie dort verblieben, wird sich wohl nicht mehr klären lassen.

Für alle Leser der „Denunziantin“ sei an dieser Stelle ein Dokument nachgereicht, das sich im Buch noch nicht findet – einfach deshalb, weil ich es bei Drucklegung noch nicht gefunden hatte: die prägnante und allererste Kurzzusammenfassung des Romans aus der Feder der Autorin:

„Er ist einer jener übriggebliebenen Typen, die wir 1945 abzubauen vergaßen. Er scheint sich im Glanze seines „Herrn Studienrates“ und seiner Eignung als „qualifizierte Lehrkraft“ recht wohl zu fühlen. Er erteilt in der Hauptsache vorzüglichen Unterricht in Englisch und Deutsch und nebenbei in einer gewissen veralteten Ideologie.

Sie ist einer jener neuen Typen, die wir seit 1945 zu erziehen uns bemühen. Sie kann sich in gar keinem Glanze sonnen, denn sie ist nur eine unter Tausenden guter Schülerinnen und bewußter FDJlerinnen. Sie genießt in der Hauptsache den vorzüglichen Unterricht des Herrn Studienrates und läuft nebenbei heftig Sturm gegen jene gewisse veraltete Ideologie. Aber ihr ungeschulter Marxismus rennt sich den Kopf ein an seiner Rednergabe, an seinen überzeugenden Argumenten, denen sie sich beugen muß mit dem deutlichen Empfinden, daß er im Unrecht ist. Aber dabei kann man ihn nicht fassen, nie so recht überführen einer offenkundig reaktionären Handlung, obwohl die ganze Schülerschaft weiß, daß er keine Voraussetzung eines fortschrittlichen Lehrers erfüllt, von dem wir erwarten, daß er Kämpfer für den Frieden und die Einheit Deutschlands ist. Niemand wagt gegen ihn öffentlich aufzutreten. – Auch sie nicht, denn stärker als das Bewußtsein seines Vergehens an der fortschrittlichen deutschen Jugend ist die Scheu vor einer „Denunziation“ des gewichtigen Herrn.

Bis eines Tages in ihrer Klasse ein Schauspiel besprochen wird, daß den illegalen Kampf der tapferen deutschen Antifaschisten während der Nazizeit schildert. Der Herr Studienrat bringt seiner lauschenden Klasse das Stück auf seine Art nahe – in kleinen, feinen, geschickten Worten – und plötzlich begreift die Klasse, daß der Kampf der Antifaschisten sinnlos, daß ihr Leben vergeudet und ihr Sterben umsonst war. Nur eine stutzt, nur eine
flammt auf in gerechter Empörung: zu tief haben sich ihr Bilder einer Hölle Buchenwald, Szenen aufrüttelnder Filme, Erzählungen alter Antifaschisten eingeprägt. Ihr Protest aber begegnet dem überlegenen Lehrerlächeln, vor dem alle Schüler den Kopf einziehen.

Von dieser Minute an kennt sie ihre Aufgabe, vor der jede persönliche Regung zurücktreten muß. Als sie vor der Tür zum Zimmer des Schulrates die Hand auf die Klinke legt, zögert sie einen Augenblick. „Denunziantin“. Das Wort hängt in dem hallenden Flur, als hätte es jemand laut gesagt. „Denunziantin“. – Da strafft sie sich und drückt die Klinke nieder …

Wozu die folgenden Wochen der endlosen Untersuchungen, der Aufregungen und Gerüchte der Schülerschaft schildern? Der Herr Studienrat wird entlassen – sie wird gelobt wegen ihrer „Wachsamkeit und Entlarvung eines Saboteurs am Aufbau der kommenden Intelligenz.“ Offiziell.

Inoffiziell steht sie in den Pausen einsam an einer der mächtigen Linden auf dem Schulhof und bohrt die Augen in den Himmel, um nicht die Blicke der anderen zu sehen. Manchmal streift eine Kette von Jungen und Mädchen dicht an ihr vorüber. Dann starrt sie noch angestrengter in den ungeheuer interessanten Himmel, – sie kennt die Gespräche ihrer Mitschüler, die immer wieder um das eine Thema kreisen – die „Sensation“ der Schule.

Einmal sagt einer im Vorübergehen ganz laut: „Pfui Deibel“. Aber das gilt nicht dem Herrn Studienrat. Das gilt – der „Denunziantin“.“

Reimann, Brigitte: Die Denunziantin. Herausgegeben von Kristina Stella. Mit einem ausführlichen Anhang zur Editionsgeschichte. Illustrationen von Jens Lay. Aisthesis Verlag 2022. 377 Seiten. Klappenbroschur. € 24.- Print ISBN 978-3-8498-1770-1


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